Im Jahre 2005 a.t ( = ante triathlon)
Eigentlich fing alles an, als ich an diesem Morgen aufstand-Stop! Eigentlich dann doch nicht- denn eigentlich war ich schon seit dem Vortag unruhig, ich hatte nur noch keine genaue Idee, worin die Ursache dieser Unruhe liegen könnte. Schlecht geschlafen und dann mit dem falschen Fuß aus dem Bett- und in einem Anfall übernächtigten Wahnsinns auf die Waage gestiegen.
Fehler Nr. 1!
….denn mir blinkt eine Gewichtsstatistik entgegen, die NIEMALS stimmen kann…oder doch? Erste Zweifel machen sich breit. Okay, als Gegenmaßstab mal eben in den schwarzen Bikini vom Vorjahr gezwängt und vor den Panoramaspiegel im Flur gestellt.
Fehler Nr. 2!
SO geht das dieses Jahr aber nicht an den Otto-Maigler-See, neeeeee!!!
Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag in das vom Schlechtschlaf aufgequollene Gesicht. Wochenlang hatte ich mit einer unbewussten Fragestellung geplagt und nun, im unerbittlichen Morgensonnenlicht des tatsächlich zu beginnen drohenden Sommers offenbarte sich die Antwort:
WINTERSPECKALARM!!!
Im Schmuddelwetter der vergangenen Wochen hatte sich diese Tatsache unter einem gnädig kaschierenden Lagenlook verbergen lassen, doch nun presst sie sich unter schwarzem Badstoff ans enttarnende Tageslicht. Und das alles ohne Frühstückskaffee auf nüchternen Magen
Fehler Nr.3!
Also erstmal Ablenkungsmanöver starten, bevor das Ganze therapiebedürftig wird: raus aus dem Bikini des Grauens, Küchenradio an und unter dem Getöse der „Hallo-Wach“ Musik die beiden Stubentiger reinlassen, die von ihren nächtlichen Streifzügen erschöpft hereinspazieren und sich unter lautstarkem Geschnurre die Bäuche voll schlagen.
Während die Kaffeemaschine gluckert und auf einen baldigen Verkalkungstod hinweist, beobachte ich meine pelzigen Hausgenossen und beneide sie glühend um das stets passende und niemals im Taillenbereich zwackende Fellkleid. Ich beschließe, in meinem nächsten Leben Stubentiger zu werden.
Nach dem traumatischen Bikini-Erlebnis setzt sich eine unangenehme Erkenntnis in meinem Weibchenhirn fest.
Erstens: Die Waage hat wohl recht gehabt und zweitens: Bis zu meiner Wiedergeburt als Stubentiger sind noch etliche Badesaisons zu überstehen.
Diese Erkenntnis erfordert effektive Maßnahmen, um sich vor Demütigungen durch die Mitleidsblicke des Verkaufspersonals beim Anstehenden Badeanzugkauf zu bewahren, weil frau nach einer Größe Fragt, die leicht von den gängigen Konfektionsgrößen 34-42 in der DOB abweicht.
Stante pede rufe ich also den privaten Notstand aus und beschließe ein Einfuhrverbot für all die kalorienreichen Highlights, die weiland meine gemütlichen Lesearien auf der familieneigenen Couch erst so recht komplett gemacht hatten. Stattdessen gebe ich eine Losung aus: Weg mit dem Hüftgold und Hinein ins Mineralwassergestählte Sportfanatikerdasein.
Fehler Nr. 4!
Und genau in diesem Moment hätte mir schon klar sein müssen, dass nichts so anfällig für Frustrationen wie ein verzweifeltes Weibchen, dass als letzte Maßnahme dem gesellschaftlich akzeptierten Figurwahn frönt, um doch noch in den begehrten Tankini zu passen, bevor der Sommer schon wieder rum ist. Wie blind kann der Mensch sein, wenn schiere Verzweiflung ihn zum Handeln treibt- das wußten schon die großen Dichter.
Um die Sehnsucht nach dem obligatorischen Frühstück mit Buttercroissants vom Bäcker nebenan mittels einer konzentrierten Dosis körpereigener Endorphine im Keim zu ersticken, begebe ich statt unter die Dusche erst mal in meine (selten benutzten) Sportklamotten und mache mir zur ersten Trainingseinheit mit dem Rad Richtung Rhein auf den Weg. So früh wird ja wohl niemand unterwegs, um Zeuge meines Kampfes gegen den Winterspeck zu sein.
Fehler Nr. 5!
Ungeduscht und zerzaust begegne ich nicht nur den üblichen Morgens-Gassi-Gehern, die sich mit mehr oder weniger Hingabe dem Auslaufbedürfnis ihrer Vierbeiner widmen. Der Anblick frustriert dreinblickender Filou-Besitzer, die Ihren Schützling Rad fahrender- inlinescatender- oder joggender Weise hinter sich her schleifen, oder sich von selbigem hinterher schleifen lassen- je nach Sichtweise- wäre an und für sich schon ausreichend, um zu dem Schluss zu gelangen: Sich regen am Morgen bringt Kummer und Sorgen. Aber es kommt noch schlimmer. Ich begegne einer Spezies, die stets Gemische Gefühle in mir weckt.
Es gibt zwei Sorten dieser evolutionstechnisch auf dem Vormarsch befindlichen Spezies: Die Optimaten und den Fitness-Pöbel, auch Breitensportler genannt.
Die Optimaten zeichnen sich durch leistungsfähige, trainingsgedrillte Astralleiber aus, die sie durch ans Übermenschliche grenzende Selbstdisziplin instand halten. Sie betrieben jedwede Form der körperlichen Ertüchtigung dermaßen exzessiv( ohne dabei auszusehen, als ob sie das Wort Leistungsgrenze überhaupt kennen), dass einem schlecht werden könnte vor neid.
Locker und motiviert absolvieren sie die Pflicht, während die Kür darin besteht, in den diversen Designer-Workout-Outfits auch noch unverschämt gut auszusehen. Und genau diese souveräne Lässigkeit lässt diese Elite zum Neid- und Hassobjekt des Sport-Pöbels werden.
Die bedauernswerten Mitglieder der Breitensportklasse stechen ja meist in mehr oder weniger untrainierten sterblichen Hüllen, die nun naturgemäß mehr einer Presswurst ähneln, wenn man versucht sie in das heutzutage obligate Hight-Tec-Sportequipment zu pferchen. Diese Equipment ist nämlich nicht zuletzt deshalb weniger schweißtreibend, weil die zu seiner Herstellung verwendete Menge Stoff statistisch gesehen vernachlässigbar gering ist. Sprich: Die Dinger sind scheißeng, selbst wenn man sie in der eigentlich passenden Größe ersteht.
Da aber der durchschnittliche Sport-Populi mehr als ein paar PfündCHen zuviel mit auf Trainingstour nimmt, sind diese minimalistischen Tops und Tights nicht in der Lage, die produzierte Menge Schweiß auch nur annähernd zu absorbieren. Womit das Dilemma klar ist: Nicht nur, dass die quasi nicht-existente Fitness erst einmal eine Grundsteinlegung erfahren muss. Nein, der ambitionierte Möchtegernsportler muss sich auch noch im vollen Bewusstsein seines verschwitzten, angespeckten Äußeren der Zurkenntnisnahme durch eine breite Öffentlichkeit stellen.
Während die sportliche Überlegenheit der Bessertrainierten eine gewisse mitfühlende Gelassenheit mit sich bringt, äußert sich das Frustrationsgefühl der Trainingsanfänger drastischer.
Neben den Hartnäckigen, die der Überzeugung sind, es auf jeden Fall zu schaffen- und die anscheinend bar jeden Peinlichkeitsempfindens sind, gibt es noch die Sensibelchen. Einher mit der Konfrontation mit der eigenen Warmduscher-Konstitution geht die Erkenntnis, einen langen Weg der körperlichen Strapazen vor sich zu haben. Noch unter dem Einfluss der erbrachten ersten Trainingseinheit bricht das ohnehin nicht sehr ausgeprägte Ego zusammen und der ausgleichender Weise gut trainierte Geist ersinnt sogleich jede Menge Ausreden, um sich weitere Demütigungen zu ersparen. Sportverletzungen und Geschäftstermine sind da der Klassiker.
Ich bilde mir ein, zur ersten Gattung zu zählen und beiße mich energisch durch meinen ersten Trainingsmorgen….
Kulturgut rölpsen oder: Neulich auf der Knutschcouch
Bevorzugt halte ich mich ja in der Nähe von Männchen auf, die die Nationalhymmne rölpsen können.
Jetzt gibt es natürlich Leute, die denken, dass ich einfach auf besoffene Heckenpenner stehe, die keinerlei Tischmanieren haben. Falsch. Ich stehe total auf Manieren, allerdings finde ich es äußerst erfrischend, wenn Leute gerade diese auch mal völlig außer Acht lassen können denn: das ist ein Zeichen von Entspanntheit.
Kennt Ihr dieses Gefühl: Man war lecker zusammen essen. Ihr habt euch nicht aufs Dekolltee gekleckert und die vegetarische Lasagne hat auch keine grünen Ekelreste zwischen den Zähnen hinterlassen, man ist nicht auf den teueren Highheels umgeknickt und das Make-Up hält auch, was die Werbung verspricht: der verräterische Pickelansatz von heute Morgen hat sich nicht weiterentwickelt und wird hervorragend kaschiert. Der Abend nimmt bei einem Kaffee einen netten Ausklang, sogar in dem engen Fummel kannst Du eine gute Figur im Sitzen aufm Sofa machen, ein Knutschanfang ist gemacht und dann- rutscht einem ein kleines Bäuerchen raus und es steht betretenes Schweigen. Er denkt wahrscheinlich: Boah, wer so abrölpst, der furzt bestimmt auch in der Badewanne (was in meinem Falle auch stimmt, allerdings nur, wenn ich alleine bade, genauso, wie ich mir beim Baden auch gerne mal ne Fluppe anmache, wenn ich keinen anderen damit belästige). Du selber denkst: Okay, verschissen, wie peinlich, ich hätte einfach nur `nen Salat essen und den Nachtisch weglassen sollen… aber mal ehrlich: Nur weil der Typ einigermaßen knuffig aussieht, jenseits der 35 und noch unverheiratet ist, soll ich auf ne Crème Brulée verzichten??? Geht ja schon mal gar nicht.
Erstens ist diese Köstlichkeit in meinem Futterbeutel super selten zu finden und ich nutze hemmungslos jede Gelegenheit, bei welcher ich dieses Gedicht von einem Nachtisch konsumieren kann, ohne vorher an der etwas kniffeligen Zubereitung beteiligt (und oftmals erfolglos) gewesen zu sein.
Zweitens kann sich jeder Mann, der sich mit mir an einen Tisch setzt schon mal darauf einstellen, dass ich ein absolut entspanntes Verhältnis zur Völlerei und den damit verbundenen Körperfunktionen wie besagtem Aufstoßen besitze- und da ich immer zu viel rede, gerade beim Essen, kommt das bei mir auch regelmäßig in diversen Phonstärken vor. ( das Reden und das Bäuern) Ich muss beruflich schon oft genug in Gesellschaft von Leuten essen, die selber das Salatbesteck nicht vom Fischmesser unterscheiden, geschweige denn „Espresso macchiato“ richtig aussprechen können, sich aber selber für dermaßen kultiviert halten, dass man noch nicht mal `nen Zahnstocher hinter vorgehaltener Hand in ihrer Gegenwart benutzen darf, um dem Tischnachbarn den Anblick von Überbleibseln der Vorspeise zwischen den teuren Jacket-Kronen zu ersparen.
Zurück zur Peinlichkeit….. während beide Seiten also krampfhaft nach einer Möglichkeit suchen, so zu tun, als ob kein Mensch das Bäuerchen mitbekommen hat, scheitert die große Liebe schon im Ansatz. Er nimmt es vielleicht noch nicht mal wirklich tragisch, ist aber unfähig, seiner von Gelassenheit geprägten Geisteshaltung Ausdruck zu verleihen- dafür ist er einfach zu sehr in den Konventionen unserer Gesellschaft gefangen, die zwar Werbeplakate mit Unterwäschemodels zulassen, denen man bis quasi ins Wohnzimmer gucken kann, aber Körperfunktionen total tabuisieren- vielleicht hat er aber auch einfach kein Rennie-räumt-den-Magen-auf dabei.
Sie bekommt natürlich genau mit, wie der Gesichtsausdruck des Gegenübers von schwärmerischer Hingabe über Erstaunen zur ratloser Ausdruckslosigkeit wechselt- und ist naturgemäß peinlich berührt aufgrund der oralen Inkontinenz einerseits und andererseits weil wegen: Jetzt hält er mich bestimmt für so ne unmanierierte Thekenschlampe, die sich nicht zu benehmen weiß.
HA! Als ob das schon mal `nen Kerl davon abgehalten hätte, sich mit einer Frau zu amüsieren. Problematisch ist allerdings nur die Antwort auf die Frage: Hat es `nen Kerl auch schon mal davon abgehalten, die betreffende Thekenschlampe seiner Mutter vorzustellen?
Meine Antwort auf die Frage: Erstens interessiert es mich nicht die Bohne, ob ich bei Mama antanzen darf oder nicht- zumindest nicht beim ersten Date. Das wird erst dann interessant, wenn ich anfange, den Typen cool zu finden.
Und das fängt erst dann an, wenn er zweitens eben nicht davon quatscht, dass er sonntags immer bei seiner Mama essen fährt (wir erinnern uns: Mitte Dreißig und unverheiratet) und ob ich nicht mal Lust hätte mit zu fahren. Mal abgesehen von meiner ausufernden Berufstätigkeit, die mich auch wochenends ganz schön in Beschlag nimmt habe in meiner Freizeit BESTIMMT was Besseres mit dem Knaben vor, als händchenhaltend im elterlichen Speisezimmer zu sitzen und unter die Lupe genommen zu werden. Weil, und jetzt komme ich eigentlich erst zum ZWEITENS:
Wieso soll ich mich von Anfang an verbiegen, wenn ich feste Absichten habe? Merke: Es ist schweinleicht, bei `ner einmaligen Fummelgelegenheit `nen schlanken Fuß zu machen, im Alltag kommen aber alle Schwächen raus- also besser gleich Karten ( in diesem Falle: Bäuerchen)auf den Tisch und riskieren, dass man bis zur großen Alles-Schlampen-Ausser-Mutti-Hürde gar nicht erst vordringt.
Back to: Das Sterben einer großen Liebe…. Aus dem Vorangeschriebenen wird klar: die Autorin kennt derlei Situationen. Und ich weiß nicht, wie oft ich an den Gott der für plötzlich im Boden auftauschende Verschwindelöcher zuständig ist flehentliche Gebete gerichtet habe- Fakt ist: Mit dem Gott, der für das Ressort „ Zielsicheres Auffinden von Fettnäpfchen“ verantwortlich ist, pflege ich wesentlich bessere diplomatische Beziehungen. Da also mit Opfergaben an ein unzuverlässiges Pantheon von Alltagsgöttern nix zu reißen ist ( auch mit dem Gott der kleinen, zerbrechlichen Technikdinge und der Göttin für Stresstage ohne Augenringe komme ich zu keiner kultischen Übereinstimmung, um nur mal ein paar Beispiele zu nennen), habe ich mich auf eine andere Taktik verlegt. In eingangs umschriebener eindeutig brisanten Situation pflege ich mich stets zurück zu legen und auffordern zu sagen „Und jetzt kommst Du“.
Und das liegt an dem Schlüsselerlebnis schlechthin: Die wahrhaft große Liebe meines Lebens hat nämlich folgendermaßen reagiert: „Haste mal ne Cola?“- Klar hatte ich eine. In meinem Kühlschrank befindet sich stets ein Notfallkit: Cola Light und ein Packung Kinderriegel. Cola serviert, beim Ex-und-Hopp den auf und ab wippenden Adamsapfel bewundert (steh ich total drauf, genau wie auf große Nasen) und dann: Den Anfang der Französischen Nationalhymne (Mit Text) gerölpst. Gibt es was Kultivierteres als ein gebauchhustetes:
Allons enfants de la Patrie
Le jour de gloire est arrivé
Was soll ich noch weiter sagen….. wenn Ihr einen Heiratsantrag bekommt, dann stellt vor Eurer Antwort die Frage: Sag mal, in wie viel Sprachen kannst Du Nationalhymmnen rölpsen?
In diesem Sinne
Serviert `ne Cola und wartet, was passiert ;O)
Eure Spleendrachin
Neulich an der Tanke oder: Blut und Spiele
Seit acht Jahren wohne ich nun fußläufig zu einer Tanke. MEINER Tanke. Derlei Bedürfnisanstalten der besonderen Art haben einen hohen Identifikationsfaktor.
Nicht nur, dass ich in 10 Minuten zu Fuß in der Innenstadt, bei Aldi, Plus und Konsorten bin, nein, ich habe auch den Kippendealer und Toilettenprovider für Nach-Ladenschluß-Notfälle in unmittelbarer Nähe. Bei einem Stadtmenschen wie mir bedeutet in unmittelbarer Nähe: Umme Ecke.
Wahrscheinlich ist gerade die Tanke ursächlich dafür, dass in den letzten acht Jahren entgegen meiner bis da dahin gelebten Gewohnheit, mindestens alle zwei Jahre umzuziehen, nun dauerhaft sesshaft geworden bin. Die Infrastruktur hier im Bonner Süden ist einfach unvergleichlich. Nicht nur, dass sämtlich kulinarischen und alkoholausschänkenden, raucherclubgründenden ( SIC!) Höhepunkte der Bonner Gastro-Szene stets entweder mit ÖPNV, per Rad oder auch zu Fuß innerhalb von Minütchen zu erreichen sind (und umgekehrt ein angeheiterter Heimweg nicht gleich in horrenden Taxikosten gipfeln würde, würde ich denn saufen wie ein Loch)- nein! Alle zwei Straßen beginnt ein anderer Ortsteil mit eigener Einkaufsmeile inklusive Discounter in orange/blau, /blau/weiß oder gelb/rot, Öko-Freßtempel, Ernstings Family, Teeladen und Friseur. Wenn das mal nicht das Schlaraffenland für jemanden wie mich ist, der grundsätzlich beim Einkaufen immer was vergisst (weil mir gerade eben einfällt, wie ich nun die Haare geschnitten haben will, bevor ich in den Ökoladen latsche weil ich spontan noch frisch geschroteten Grünkern für meine Tofubratlinge brauche) oder eben um 12 Uhr Mitternacht Lust auf einen Riesenbecher Ben&Jerry’s hat- nur dass dieser in meinem Haushalt selten bevorratet in der Tiefkühltruhe schlummert. Alle täglichen und nächtlichen Begierden einer durchschnittlich Konsumversessenen werden hier aufs Feinste befriedigt- und für die Tage, an denen es etwas Besonderes sein soll steht ja noch der Fußmarsch in einer der Shopping-Freuden-Meilen in Bonn oder Bad Godesberg in Aussicht. So verlacht Bonn zu seiner Zeit als Provisorium war: Ich finds geil, dass hier wirklich alle Wege einfach nur kurz sind.
Und der zu besagter Tanke ist am allerkürzesten. Nun war es also gestern seit längerer Zeit mal wieder soweit: Keine Schoki mehr im Haus und nach 22 Uhr, will sagen: Selbst der ultra-progressive Rewe in Kessenich hatte nun zu. Also Moppencheck und ab umme Ecke. Doch was muss mein schon freudiger Erwartung eines „Phish Food“-lastigen Leseabends gerötetes Auge erkennen, als ich besagte Stammtanke betrete: Kein Ben&Jerry’s mehr im Angebot. Unglaublich. Nicht nur, dass die liebenswerte Schmuddeltanke zu einem stylischen Esso Snack’n Shop mutiert ist, aufgeräumt, Flutlichtdurchleuchtet und äußerst übersichtlich, was die Süßwarenauswahl betrifft ( früher hast Du hier alles von Curly-Wurly bis Zwieblis gefunden, fein voll gestopfte Warenregale mit allem, was der Fett-Kohlehydrat-Junkie nach Ladenschluss so brauchen kann und jetzt steht da ein einsames Regal voll mit vier Sorten von Bonns bekanntestem Gummizeug-Hersteller neben einer mageren Auswahl an Knabberartikeln), nee die haben auch noch DEN Renner schlechthin aus dem Sortiment entfernt- und zwar endgültig.
Meine enttäuschte Miene quittiert der sichtlich genervte Pächter ( die Tanke ist- nee: war im gesamten Viertel als Ben&Jerry’s- Dealer bekannt und beliebt und ich bin ungefähr die dreitrilliardenste Kundin, die sich mit einem knappen „Scheiße“ zu dieser Neuerung äußert) mit seinen ganz persönlichen Ansichten zum Thema Franchise, Schlipsträgern mit ohne Ahnung von Tankstellenstammkundenbedürfnissen und mehreren Stoßseufzern weil „ Seit die Amis den Laden übernommen haben, dürfen wir hier drinnen noch nicht mal mehr rauchen“. Achwas. Mich bekümmert vielmehr die Frage: Wie bekomme ich nun fürderhin meinen Zuckerspiegel adäquat gehalten, wenn der heimische Kühlschrank mal wieder termitenmäßig leergefressen und nur noch Heimstatt von toten, aus dem Maul blutenden Mäusen ist? Während ich so meinen niedertriebigen Gedanken nachhänge und auch schon einer Abwanderung zur etwas weiter entfernte Konkurrenz nicht mehr so total abgeneigt bin ( war diese Tanke doch schon seit langem geschluckt und ihr Warensortimentadjustiert worden, wobei hier wenigstens die Ersatzdroge in Form von Hagen Dasz als essentieller Bestandteil des Eisangebotes erhalten blieb) findet mein vom Schicksal gebeuteltes Gegenüber nun gleich ein Neues Thema (Klar, bei dem Scheiß-Sortiment beleiben die Kunden zum Quatschen aus, da muss man jede Chance nutzen):Apropos Schlipsträger, das wären ja sowieso alles Verbrecher und da könne man ja froh sein, wenn die einem nur die Eisbecher ausm Sortiment klauten, andere würden ja gleich ganze Profi-Rad-Teams vergiften ohne sich Gedanken zu machen, die weiter gingen als bis zur nächsten Dopingkontrolle.
Der geneigte Leser mag nun verständnislos die Stirn runzeln, mir ist dieser Themensprung jedoch als in Bonn lebende bekennende Radsportfanatikerin absolut eingängig :
Die Rede ist von den Doping-Skandalen bei der Tour der France. Ganz Bonn war zu Zeiten der Radrennfahrer im Zeichen des magentafarbenen T besessen von der Frage „hat „Ulle“ oder hat er nicht?“- und die Rede war nicht in erster Linie auf seinen legendären Puddingteilchenkonsum gerichtet. Und wenn „Ulle“ hätte, dann ja wohl nur deswegen, weil die bösen, bösen schlipstragenden magenta-Männchen Sponsorendruck aufgebaut hätten weil iss klar: Bei seinem Talent hat der „Ulle“ das eigentlich nicht nötig gehabt und der Armstrong aka „dieses testogelgedopte Arschloch“ hätte ohne seinen pharmazeutischen Trainingsplan eh keine Schnitte gegen „uns Ulle“ gehabt. Nur wollten dass die bösen, schlipstragenden magenta-Männchen mit ohne Ahnung von gar nix nicht einsehen und trieben den armen Mann in die Fänge des weniger schlipstragenden, dafür sonnenbebrillten Dr.F. aus Espana. Und in eine mentale Krise, die ihn letzten Endes die Integrität und die Karriere kosteten.
Wie gesagt, das Thema ist für mich in diesem Zusammenhang und in seiner Adressiertheit an mich völlig plausibel. Es stellen sich mir, als bekennender Radsportfanatikerin mit einem Hang zur Relativierung von sportlichen Erfolgen nur diverse Fragen, die ich aber in meiner Eile, meine Ex-Stammtanke möglichst zeitnah in Richtung eines wohlsortierten Süßwarendealers zu verlassen, um doch noch in den Genuss eines eislöffelnden Bücherabends vor heimischer Kulisse zu gelangen nicht laut ausspreche.
1. Warum riskieren die Radsportler, von denen zwei Drittel mal gerade soviel verdienen wie ein mittlerer Sparkassenangestellter Ihre Gesundheit, um das Mörder-Niveau der Tour mitmachen zu können? Jeder, der die Strecken ZU ENDE fährt, ist schon ein Held. Die allgemein anerkannte Antwort ist: Du musst aufs Treppchen, sonst zickt der Sponsor. Blödsinn. Aufs Treppchen kämen die besten Fahrer auch dann, wenn das Durchschnittsniveau niedriger wäre. Sowohl was das Streckenprofil als auch die durchschnittliche Geschwindigkeit betrifft weil: Einer muss ja nun mal als erster ins Ziel. Den Spopnsor interessiert nur, DASS du auf dem Treppchen stehst.Oder DASS Du die Bergwertung hast.
2. Wer gibt dieses Niveau vor? Allgemein anerkannte Antwort hier: Das Publikum, weil es immer neue Rekorde will. Mumpitz, jeder, der sich dem Radsport so leidenschaftlich verschreibt, dass er drei Wochen lang im Campingwagen dem Peloton folgt oder sich drei Wochen lang nachmittags den teilweise hirntötenden Kommentatoren der Fernsehsender aussetzt weiß: Die Tortur an sich zu bewundern reicht schon aus, da müssen keine weiteren Rekorde her. Diese Rekordgeilheit fußt lediglich auf den Profilneurosen von Tourveranstaltern mit zu kleinem Pipimann,die es nicht ertragen können, dass andere Männer einfach dafür bewundert werden, dass sie ins Ziel kommen. Die müssen unter Blut, Schweiß und Tränen ankommen und wie weiland die Galdiatoren im Circus Maximus am Ende aller menschlichen Kraft das Urteil erwarten. Nur erfolgt dies in den zivilisierten Gegenden Europas mittlerweile nicht mehr nach den Regeln des „Daumen-rauf-oder-runter“ Spielchens. Nein, hier wird nur zum Sieger, wer sich köperlich bis an die Grenzen des biologisch Machbaren verausgabt hat und auch bereit ist, darüber hinaus zu gehen. Stell Dir vor es ist Tour, und keiner fährt mit.
Und hier erfolgt nun die Schleife zurück zu Frage 1.
Insofern bliebe dann nur noch die Erkenntnis: Es gibt hier keine Opfer und keine Täter. Alle mischen mit.
Die Athleten sind bereit, für den Ruhm von der Dauer einer Siegerehrung alles, aber auch alles an geistiger und körperlicher Unversehrtheit aufzugeben.
Die Ärzte wollen einfach nur sehen, was geht und dabei Geld verdienen.
Die Veranstalter wollen Geld verdienen und dafür gelobt werden, dass sie in der Lage sind, sich subtile Foltermethoden in Form von fast nicht zu bewältigenden sportlichen Herausforderungen auszudenken, weil sie sonst keinen mehr hoch und bei der Bank keinen Kredit für ihr neues dickes Privatauto kriegen.
Die sportlichen Leiter wollen Geld verdienen und dafür gelobt werden, dass sie in der Lage sind, die Radsporttalente nicht nur zu erkennen sondern auch fähig sind, das Maximum aus den ihnen anvertrauten Sportlern raus zu holen- und wenn es nur ein Maximum an selbstzerstörerischer Dummheit ist.
Das Publikum will einfach nur: Brot und Spiele. Dumm nur, dass das Brot immer teuerer wird und nur die Profisportler genug Geld zur Verfügung gestellt bekommen, um wenigstens eine gedopte Abart zu bieten: Blut und Spiele.
Während ich also zustimmend und verständnisvoll nickend langsam den Rückzug antrete und auf dem Weg zu meiner neuen Stammtanke bin, die zum Glück nicht so viel weiter von meiner Heimstatt entfernt ist, dass ein Umzug vonnöten wäre um den „umme Ecke“-Status aufrecht zu erhalten streicht mir nur durch den Kopf:
Man könnte Doping entweder dulden und so richtig Arbeitsplätze damit schaffen
(Folgebehandlung der geschädigten Athleten, Marketingkonzepte für die Dopingmittel müssten her, Statistiker müssten die Dopingerfolge auswerten, Fachärzte für pharmazeutische Trainingspläne müssten ausgebildet werden undsoweiterundsofort)- oder man könnte den Kampf aufnehmen. Gegen Korruption und Klüngel, gegen alte Seilschaften, gegen überzogenen sportlichen Ehrgeiz. Mit wirklich unabhängigen Kommissionen, lückenlosen Gesetzen und geschulten Ermittlern, die nicht Tatvereitelung qua vorsätzlich begangenem Formfehler praktizieren können, weil sie dann selber wegen einer grob fahrlässigen Handlung strafbar wären. Und mit Sportlern, DIE EINFACH NICHT MITMACHEN.
Aber hier gilt wie überall meine Aussage des Tages: Nolle in causa est, non posse praetenditur
In diesem Sinne!
Eure glitzerdrachen
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