Juli 18, 2008

 

 

 

Seit acht Jahren wohne ich nun fußläufig zu einer Tanke. MEINER Tanke. Derlei Bedürfnisanstalten der besonderen Art haben einen hohen Identifikationsfaktor.

 

Nicht nur, dass ich in 10 Minuten zu Fuß in der Innenstadt, bei Aldi, Plus und Konsorten bin, nein, ich habe auch den Kippendealer und Toilettenprovider für Nach-Ladenschluß-Notfälle in unmittelbarer Nähe. Bei einem Stadtmenschen wie mir bedeutet in unmittelbarer Nähe: Umme Ecke.

 

Wahrscheinlich ist gerade die Tanke ursächlich dafür, dass in den letzten acht Jahren entgegen meiner bis da dahin gelebten Gewohnheit, mindestens alle zwei Jahre umzuziehen, nun dauerhaft sesshaft geworden bin. Die Infrastruktur hier im Bonner Süden ist einfach unvergleichlich. Nicht nur, dass sämtlich kulinarischen und alkoholausschänkenden, raucherclubgründenden ( SIC!) Höhepunkte der Bonner Gastro-Szene stets entweder mit ÖPNV, per Rad oder auch zu Fuß innerhalb von Minütchen zu erreichen sind (und umgekehrt ein angeheiterter Heimweg nicht gleich in horrenden Taxikosten gipfeln würde, würde ich denn saufen wie ein Loch)- nein! Alle zwei Straßen beginnt ein anderer Ortsteil mit eigener Einkaufsmeile inklusive Discounter in orange/blau, /blau/weiß oder gelb/rot, Öko-Freßtempel, Ernstings Family, Teeladen und Friseur. Wenn das mal nicht das Schlaraffenland für jemanden wie mich ist, der grundsätzlich beim Einkaufen immer was vergisst (weil mir gerade eben einfällt, wie ich nun die Haare geschnitten haben will, bevor ich in den Ökoladen latsche weil ich spontan noch frisch geschroteten Grünkern für meine Tofubratlinge brauche) oder eben um 12 Uhr Mitternacht Lust auf einen Riesenbecher Ben&Jerry’s hat- nur dass dieser in meinem Haushalt selten bevorratet in der Tiefkühltruhe schlummert. Alle täglichen und nächtlichen Begierden einer durchschnittlich Konsumversessenen werden hier aufs Feinste befriedigt- und für die Tage, an denen es etwas Besonderes sein soll steht ja noch der Fußmarsch in einer der Shopping-Freuden-Meilen in Bonn oder Bad Godesberg in Aussicht. So verlacht Bonn zu seiner Zeit als Provisorium war: Ich finds geil, dass hier wirklich alle Wege einfach nur kurz sind.

 

Und der zu besagter Tanke ist am allerkürzesten. Nun war es also gestern seit längerer Zeit mal wieder soweit: Keine Schoki mehr im Haus und nach 22 Uhr, will sagen: Selbst der ultra-progressive Rewe in Kessenich hatte nun zu. Also Moppencheck und ab umme Ecke. Doch was muss mein schon freudiger Erwartung eines „Phish Food“-lastigen Leseabends gerötetes Auge erkennen, als ich besagte Stammtanke betrete: Kein Ben&Jerry’s mehr im Angebot. Unglaublich. Nicht nur, dass die liebenswerte Schmuddeltanke zu einem stylischen Esso Snack’n Shop mutiert ist, aufgeräumt, Flutlichtdurchleuchtet und äußerst übersichtlich, was die Süßwarenauswahl betrifft ( früher hast Du hier alles von Curly-Wurly bis Zwieblis gefunden, fein voll gestopfte Warenregale mit allem, was der Fett-Kohlehydrat-Junkie nach Ladenschluss so brauchen kann und jetzt steht da ein einsames Regal voll mit vier Sorten von Bonns bekanntestem Gummizeug-Hersteller neben einer mageren Auswahl an Knabberartikeln), nee die haben auch noch DEN Renner schlechthin aus dem Sortiment entfernt- und zwar endgültig.

Meine enttäuschte Miene quittiert der sichtlich genervte Pächter ( die Tanke ist- nee: war  im gesamten Viertel als Ben&Jerry’s- Dealer bekannt und beliebt und ich bin ungefähr die dreitrilliardenste Kundin, die sich mit einem knappen „Scheiße“ zu dieser Neuerung äußert) mit seinen ganz persönlichen Ansichten zum Thema Franchise, Schlipsträgern mit ohne Ahnung von Tankstellenstammkundenbedürfnissen und mehreren Stoßseufzern weil „ Seit die Amis den Laden übernommen haben, dürfen wir hier drinnen noch nicht mal mehr rauchen“. Achwas. Mich bekümmert vielmehr die Frage: Wie bekomme ich nun fürderhin meinen Zuckerspiegel adäquat gehalten, wenn der heimische Kühlschrank mal wieder termitenmäßig leergefressen und nur noch Heimstatt von toten, aus dem Maul blutenden Mäusen ist? Während ich so meinen niedertriebigen Gedanken nachhänge und auch schon einer Abwanderung zur etwas weiter entfernte Konkurrenz nicht mehr so total abgeneigt bin ( war diese Tanke doch schon seit langem geschluckt und ihr Warensortimentadjustiert worden, wobei hier wenigstens die Ersatzdroge in Form von Hagen Dasz als essentieller Bestandteil des Eisangebotes erhalten blieb) findet mein vom Schicksal gebeuteltes Gegenüber nun  gleich ein Neues Thema (Klar, bei dem Scheiß-Sortiment beleiben die Kunden zum Quatschen aus, da muss man jede Chance nutzen):Apropos Schlipsträger, das wären ja sowieso alles Verbrecher und da könne man ja froh sein, wenn die einem nur die Eisbecher ausm Sortiment klauten, andere würden ja gleich ganze Profi-Rad-Teams vergiften ohne sich Gedanken zu machen, die weiter gingen als bis zur nächsten Dopingkontrolle.

Der geneigte Leser mag nun verständnislos die Stirn runzeln, mir ist dieser Themensprung jedoch als in Bonn lebende bekennende Radsportfanatikerin absolut eingängig :

 

Die Rede ist von den Doping-Skandalen bei der Tour der France. Ganz Bonn war zu Zeiten der Radrennfahrer im Zeichen des magentafarbenen T besessen von der Frage „hat „Ulle“ oder hat er nicht?“- und die Rede war nicht in erster Linie auf seinen legendären Puddingteilchenkonsum gerichtet. Und wenn „Ulle“ hätte, dann ja wohl nur deswegen, weil die bösen, bösen schlipstragenden magenta-Männchen Sponsorendruck aufgebaut hätten weil iss klar: Bei seinem Talent hat der „Ulle“ das eigentlich nicht nötig gehabt und der Armstrong aka „dieses testogelgedopte Arschloch“ hätte ohne seinen pharmazeutischen Trainingsplan eh keine Schnitte gegen „uns Ulle“ gehabt. Nur wollten dass die bösen, schlipstragenden magenta-Männchen mit ohne Ahnung von gar nix nicht einsehen und trieben den armen Mann in die Fänge des weniger schlipstragenden, dafür sonnenbebrillten Dr.F. aus Espana. Und in eine mentale Krise, die ihn letzten Endes die Integrität und die Karriere kosteten.

Wie gesagt, das Thema ist für mich in diesem Zusammenhang und in seiner Adressiertheit an mich völlig plausibel. Es stellen sich mir, als bekennender Radsportfanatikerin mit einem Hang zur Relativierung von sportlichen Erfolgen nur diverse Fragen, die ich aber in meiner Eile, meine Ex-Stammtanke möglichst zeitnah in Richtung eines wohlsortierten Süßwarendealers zu verlassen, um doch noch in den Genuss eines eislöffelnden Bücherabends vor heimischer Kulisse zu gelangen nicht laut ausspreche.

 

1.      Warum riskieren die Radsportler, von denen zwei Drittel mal gerade soviel verdienen wie ein mittlerer Sparkassenangestellter Ihre Gesundheit, um das Mörder-Niveau der Tour mitmachen zu können? Jeder, der die Strecken ZU ENDE fährt, ist schon ein Held. Die allgemein anerkannte Antwort ist: Du musst aufs Treppchen, sonst zickt der Sponsor. Blödsinn. Aufs Treppchen kämen die besten Fahrer auch dann, wenn das Durchschnittsniveau niedriger wäre. Sowohl was das Streckenprofil als auch die durchschnittliche Geschwindigkeit betrifft weil: Einer  muss ja nun mal als erster ins Ziel. Den Spopnsor interessiert nur, DASS du auf dem Treppchen stehst.Oder DASS Du die Bergwertung hast.

2.      Wer gibt dieses Niveau vor? Allgemein anerkannte Antwort hier: Das Publikum, weil es immer neue Rekorde will. Mumpitz, jeder, der sich dem Radsport so leidenschaftlich verschreibt, dass er drei Wochen lang im Campingwagen dem Peloton folgt oder sich drei Wochen lang nachmittags den teilweise hirntötenden Kommentatoren der Fernsehsender aussetzt weiß: Die Tortur an sich  zu bewundern reicht schon aus, da müssen keine weiteren Rekorde her. Diese Rekordgeilheit fußt lediglich auf den Profilneurosen von Tourveranstaltern mit zu kleinem Pipimann,die es nicht ertragen können, dass andere Männer einfach dafür bewundert werden, dass sie ins Ziel kommen. Die müssen unter Blut, Schweiß und Tränen ankommen und wie weiland die Galdiatoren im Circus Maximus am Ende aller menschlichen Kraft das Urteil erwarten. Nur erfolgt dies in den zivilisierten Gegenden Europas mittlerweile nicht mehr nach den Regeln des  „Daumen-rauf-oder-runter“ Spielchens. Nein, hier wird nur zum Sieger, wer sich köperlich bis an die Grenzen des biologisch Machbaren verausgabt hat und auch bereit ist, darüber hinaus zu gehen. Stell Dir vor es ist Tour, und keiner fährt mit.

 

Und hier erfolgt nun die Schleife zurück zu Frage 1.

Insofern bliebe dann nur  noch die Erkenntnis: Es gibt hier keine Opfer und keine Täter. Alle mischen mit.

 

Die Athleten sind bereit, für den Ruhm von der Dauer einer Siegerehrung alles, aber auch alles an geistiger und körperlicher Unversehrtheit aufzugeben.

 

Die Ärzte wollen einfach nur sehen, was geht und dabei Geld verdienen.

 

Die Veranstalter wollen Geld verdienen und dafür gelobt werden, dass sie in der Lage sind, sich subtile Foltermethoden in Form von fast nicht zu bewältigenden sportlichen Herausforderungen auszudenken, weil sie sonst keinen mehr hoch und bei der Bank keinen Kredit für ihr neues dickes Privatauto kriegen.

 

Die sportlichen Leiter wollen Geld verdienen und dafür gelobt werden, dass sie in der Lage sind, die Radsporttalente nicht nur zu erkennen sondern auch fähig sind, das Maximum aus den ihnen anvertrauten Sportlern raus zu holen- und wenn es nur ein Maximum an selbstzerstörerischer Dummheit ist.

 

Das Publikum will einfach nur: Brot und Spiele. Dumm nur, dass das Brot immer teuerer wird und nur die Profisportler genug Geld zur Verfügung gestellt bekommen, um wenigstens eine gedopte Abart zu bieten: Blut und Spiele.

 

Während ich also zustimmend und verständnisvoll nickend langsam den Rückzug antrete und auf dem Weg zu meiner neuen Stammtanke bin, die zum Glück nicht so viel weiter von meiner Heimstatt entfernt ist, dass ein Umzug vonnöten wäre um den „umme Ecke“-Status aufrecht zu erhalten streicht mir nur durch den Kopf:

 

Man könnte Doping entweder dulden und so richtig Arbeitsplätze damit schaffen

(Folgebehandlung der geschädigten Athleten, Marketingkonzepte für die Dopingmittel müssten her, Statistiker müssten die Dopingerfolge auswerten, Fachärzte für pharmazeutische Trainingspläne  müssten ausgebildet werden undsoweiterundsofort)- oder man könnte den Kampf aufnehmen. Gegen Korruption und Klüngel, gegen alte Seilschaften, gegen überzogenen sportlichen Ehrgeiz. Mit wirklich unabhängigen Kommissionen, lückenlosen Gesetzen und geschulten Ermittlern, die nicht Tatvereitelung qua vorsätzlich begangenem Formfehler praktizieren können, weil sie dann selber wegen einer grob fahrlässigen Handlung strafbar wären. Und mit Sportlern, DIE EINFACH NICHT MITMACHEN.

 

Aber hier gilt wie überall meine Aussage des Tages: Nolle in causa est, non posse praetenditur

 

In diesem Sinne!

 

Eure glitzerdrachen