Wie alles begann…..

Eigentlich fing alles an, als ich an diesem Morgen aufstand-Stop! Eigentlich dann doch nicht- denn eigentlich war ich schon seit dem Vortag unruhig, ich hatte nur noch keine genaue Idee, worin die Ursache dieser Unruhe liegen könnte. Schlecht geschlafen und dann mit dem falschen Fuß aus dem Bett- und in einem Anfall übernächtigten Wahnsinns auf die Waage gestiegen.

 

Fehler Nr. 1!

 

….denn mir blinkt eine Gewichtsstatistik entgegen, die NIEMALS stimmen kann…oder doch? Erste Zweifel machen sich breit. Okay, als Gegenmaßstab mal eben in den schwarzen Bikini vom Vorjahr gezwängt und vor den Panoramaspiegel im Flur gestellt.

 

Fehler Nr. 2!

 

SO geht das dieses Jahr aber nicht an den Otto-Maigler-See, neeeeee!!!

Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag in das vom Schlechtschlaf aufgequollene Gesicht. Wochenlang hatte ich mit einer unbewussten Fragestellung geplagt und nun, im unerbittlichen Morgensonnenlicht des tatsächlich zu beginnen drohenden Sommers offenbarte sich die Antwort:

 

WINTERSPECKALARM!!!

 

Im Schmuddelwetter der vergangenen Wochen hatte sich diese Tatsache unter einem gnädig kaschierenden Lagenlook verbergen lassen, doch nun presst sie sich unter schwarzem Badstoff ans enttarnende Tageslicht. Und das alles ohne Frühstückskaffee auf nüchternen Magen

 

Fehler Nr.3!

 

Also erstmal Ablenkungsmanöver starten, bevor das Ganze therapiebedürftig wird: raus aus dem Bikini des Grauens, Küchenradio an und unter dem Getöse der „Hallo-Wach“ Musik die beiden Stubentiger reinlassen, die von ihren nächtlichen Streifzügen erschöpft hereinspazieren und sich unter lautstarkem Geschnurre die Bäuche voll schlagen.

Während die Kaffeemaschine gluckert und auf einen baldigen Verkalkungstod hinweist, beobachte ich meine pelzigen Hausgenossen und beneide sie glühend um das stets passende und niemals im Taillenbereich zwackende Fellkleid. Ich beschließe, in meinem nächsten Leben Stubentiger zu werden.

 

 

Nach dem traumatischen Bikini-Erlebnis setzt sich eine unangenehme Erkenntnis in meinem Weibchenhirn fest.

Erstens: Die Waage hat wohl recht gehabt und zweitens: Bis zu meiner Wiedergeburt als Stubentiger sind noch etliche Badesaisons zu überstehen.

Diese Erkenntnis erfordert effektive Maßnahmen, um sich vor Demütigungen durch die Mitleidsblicke des Verkaufspersonals beim Anstehenden Badeanzugkauf zu bewahren, weil frau nach einer Größe Fragt, die leicht von den gängigen Konfektionsgrößen 34-42 in der DOB abweicht.

Stante pede rufe ich also den privaten Notstand aus und beschließe ein Einfuhrverbot für all die kalorienreichen Highlights, die weiland meine gemütlichen Lesearien auf der familieneigenen Couch erst so recht komplett gemacht hatten. Stattdessen gebe ich eine Losung aus: Weg mit dem Hüftgold und Hinein ins Mineralwassergestählte Sportfanatikerdasein.

Fehler Nr. 4!

Und genau in diesem Moment hätte mir schon klar sein müssen, dass nichts so anfällig für Frustrationen wie ein verzweifeltes Weibchen, dass als letzte Maßnahme dem gesellschaftlich akzeptierten Figurwahn frönt, um doch noch in den begehrten Tankini zu passen, bevor der Sommer schon wieder rum ist. Wie blind kann der Mensch sein, wenn schiere Verzweiflung ihn zum Handeln treibt- das wußten schon die großen Dichter.

 

Um die Sehnsucht nach dem obligatorischen Frühstück mit Buttercroissants vom Bäcker nebenan mittels einer konzentrierten Dosis körpereigener Endorphine im Keim zu ersticken, begebe ich statt unter die Dusche erst mal in meine (selten benutzten) Sportklamotten und mache mir zur ersten Trainingseinheit mit dem Rad Richtung Rhein auf den Weg. So früh wird ja wohl niemand unterwegs, um Zeuge meines Kampfes gegen den Winterspeck zu sein.

Fehler Nr. 5!

Ungeduscht und zerzaust begegne ich nicht nur den üblichen Morgens-Gassi-Gehern, die sich mit mehr oder weniger Hingabe dem Auslaufbedürfnis ihrer Vierbeiner widmen. Der Anblick frustriert dreinblickender Filou-Besitzer, die Ihren Schützling Rad fahrender- inlinescatender- oder joggender Weise hinter sich her schleifen, oder sich von selbigem hinterher schleifen lassen- je nach Sichtweise- wäre an und für sich schon ausreichend, um zu dem Schluss zu gelangen: Sich regen am Morgen bringt Kummer und Sorgen. Aber es kommt noch schlimmer. Ich begegne einer Spezies, die stets Gemische Gefühle in mir weckt.

 

Es gibt zwei Sorten dieser evolutionstechnisch auf dem Vormarsch befindlichen Spezies: Die Optimaten und den Fitness-Pöbel, auch Breitensportler genannt.

 

Die Optimaten zeichnen sich durch leistungsfähige, trainingsgedrillte Astralleiber aus, die sie durch ans Übermenschliche grenzende Selbstdisziplin instand halten. Sie betrieben jedwede Form der körperlichen Ertüchtigung dermaßen exzessiv( ohne dabei auszusehen, als ob sie das Wort Leistungsgrenze überhaupt kennen), dass einem schlecht werden könnte vor neid.

Locker und motiviert absolvieren sie die Pflicht, während die Kür darin besteht, in den diversen Designer-Workout-Outfits auch noch unverschämt gut auszusehen. Und genau diese souveräne Lässigkeit lässt diese Elite zum Neid- und Hassobjekt des Sport-Pöbels werden.

 

Die bedauernswerten Mitglieder der Breitensportklasse stechen ja meist in mehr oder weniger untrainierten sterblichen Hüllen, die nun naturgemäß mehr einer Presswurst ähneln, wenn man versucht sie in das heutzutage obligate Hight-Tec-Sportequipment zu pferchen. Diese Equipment ist nämlich nicht zuletzt deshalb weniger schweißtreibend, weil die zu seiner Herstellung verwendete Menge Stoff statistisch gesehen vernachlässigbar gering ist. Sprich: Die Dinger sind scheißeng, selbst wenn man sie in der eigentlich passenden Größe ersteht.

Da aber der durchschnittliche Sport-Populi mehr als ein paar PfündCHen zuviel mit auf Trainingstour nimmt, sind diese minimalistischen Tops und Tights nicht in der Lage, die produzierte Menge Schweiß auch nur annähernd zu absorbieren. Womit das Dilemma klar ist: Nicht nur, dass die quasi nicht-existente Fitness erst einmal eine Grundsteinlegung erfahren muss. Nein, der ambitionierte Möchtegernsportler muss sich auch noch im vollen Bewusstsein seines verschwitzten, angespeckten Äußeren der Zurkenntnisnahme durch eine breite Öffentlichkeit stellen.

Während die sportliche Überlegenheit der Bessertrainierten eine gewisse mitfühlende Gelassenheit mit sich bringt, äußert sich das Frustrationsgefühl der Trainingsanfänger drastischer.

Neben den Hartnäckigen, die der Überzeugung sind, es auf jeden Fall zu schaffen- und die anscheinend bar jeden Peinlichkeitsempfindens sind, gibt es noch die Sensibelchen. Einher mit der Konfrontation mit der eigenen Warmduscher-Konstitution geht die Erkenntnis, einen langen Weg der körperlichen Strapazen vor sich zu haben. Noch unter dem Einfluss der erbrachten ersten Trainingseinheit bricht das ohnehin nicht sehr ausgeprägte Ego zusammen und der ausgleichender Weise gut trainierte Geist ersinnt sogleich jede Menge Ausreden, um sich weitere Demütigungen zu ersparen. Sportverletzungen und Geschäftstermine sind da der Klassiker.

 

Ich bilde mir ein, zur ersten Gattung zu zählen und beiße mich energisch durch meinen ersten Trainingsmorgen….

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